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Interview mit Regierungsrätin Astrid Bärtschi

Astrid Bärtschi beim Interview in ihrem Büro am Münsterplatz

Astrid Bärtschi ist seit 2022 Regierungsrätin und Finanzdirektorin des Kantons Bern. Ende März sind Wahlen, höchste Zeit also, Bilanz zu ziehen. Die Bantiger Post hat mit der Ostermundigerin über das Regieren, grosse Zahlen aber auch den Sinn fürs Kleine gesprochen. Im Interview hat Astrid Bärtschi zudem verraten, mit welchem Gefühl sie am Wahlmorgen aufstehen wird und ob Chancen bestehen, sie womöglich am Mittelländischen Schwingfest in Stettlen selbst aktiv im Sägemehl zu sehen.

Als Finanzdirektorin sind Sie Schirmherrin über beinahe 14 Milliarden Franken. Ein Sprichwort sagt, wer zahlt, befiehlt. Somit sind Sie also die mächtigste Frau im Kanton?
Wir haben zum Glück ein System, welches nicht jemanden zur mächtigsten Person macht. In der Regierung sind wir zu siebt mit der Aufgabe betraut, das Beste für unseren Kanton zu erwirken. Die abschliessende Hoheit über das Budget haben 160 Grossrätinnen und Grossräte, die als Volksvertreterinnen und -vertreter gewählt sind und somit bin ich überhaupt nicht die mächtigste Frau im Kanton (schmunzelt).

Und was sagen Sie zum Statement «Geld regiert die Welt»?
Als Kantonsregierung befassen wir uns damit, welches Leistungsangebot wir unseren Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stellen wollen, können und müssen. Dann müssen wir uns fragen, wie viel und was für Personal wir dazu benötigen und wie viele Steuern wir erheben müssen, um das Angebot zu finanzieren. Ebenfalls muss definiert werden, wie viele Investitionen wir tätigen und wie viel Geld wir in die Hand nehmen für den Schuldenabbau. Ohne Geld kein Leistungsangebot, daher ist es schon so, dass Geld die Welt regiert, denn letztendlich benötigt es für alles personelle oder finanzielle Ressourcen.

Welchen Einfluss hat der Zolldeal mit den USA auf die Kantonsfinanzen?
Kann man mit solch grossen Unbekannten überhaupt vernünftig budgetieren?

Wir machen jedes Jahr eine Steuerertragsprognose. Bei den natürlichen Personen ist diese jeweils sehr genau. Bei Firmen ist die Einschätzung wesentlich komplexer und die Abweichung zur Prognose höher. Selbstverständlich werden Unsicherheiten wie der Zolldeal mitberücksichtigt, sprich es wird etwas vorsichtiger prognos-
tiziert. Inwieweit sich die Zölle der USA auf die Erträge der Unternehmen und dadurch auf die Steuereinnahmen des Kantons auswirken, lässt sich aktuell jedoch nicht abschätzen.

Wenn man tagtäglich mit so hohen Beträgen konfrontiert ist, wie bewahrt man die Bodenhaftung und den Sinn fürs Kleine?
Wenn man in der Finanzdirektion arbeitet, sollte man keine Angst vor grossen Zahlen haben. Zu Beginn war es für mich schon etwas gewöhnungsbedürftig, mit so hohen Beträgen zu arbeiten. Die Bodenhaftung zu wahren gelingt jedoch gut. Schliesslich habe ich ja auch ein Leben ausserhalb meines Amts. Ich bin nach wie vor Astrid Bärtschi aus Ostermundigen, die am Samstag in der Migros ihren Einkauf macht. Und ich habe ein sehr diverses, gutes und ehrliches Umfeld, so dass ich nicht befürchten muss, den Sinn fürs Wesentliche zu verlieren.

Wann erleben Sie einen Arbeitstag als erfüllend?
Klar hat man Tätigkeiten, die man lieber oder etwas weniger gerne macht, aber grundsätzlich erlebe ich praktisch jeden meiner Arbeitstage als erfüllend, auch wenn das jetzt etwas klischeehaft klingen mag. Ich finde, dass ich den besten Job habe, weshalb ich am Morgen gerne aufstehe und zur Arbeit gehe und am Abend zufrieden nach Hause komme.

Und was macht Sie «hässig»?
Ignoranz und Gleichgültigkeit machen mich wütend. Nicht unbedingt nur wütend, sondern
besorgt macht mich insbesondere die vorherrschende Tendenz, nicht mehr dazu bereit zu sein, einander zuzuhören. Unser System, die Schweiz, lebt davon, einander zuzuhören und zu versuchen, die Argumente des jeweils anderen zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden, die möglichst allen gerecht werden.

Grundgegensätzliche Meinungen auszuhalten, ist aber auch nicht immer einfach.
Politisch attestiere ich allen, dass sie das Beste für unseren Kanton wollen. Natürlich ist man sich nicht immer einig, was das Beste ist und welcher Weg dorthin führt. Aber die Grundvoraussetzung für den politischen Diskurs ist, dass man anerkennt, dass alle das Beste wollen und mit guten Motiven antreten. Die Bereitschaft, mit jemandem zu diskutieren, der anderer Meinung ist, ist etwas verloren gegangen und das macht mir Mühe. Einander zuzuhören hat für mich auch viel mit Respekt zu tun.

Wie erleben Sie den direkten Kontakt mit der Bevölkerung? Hat Ihre durchgetaktete Agenda dafür überhaupt Platz?
Ja, unbedingt! Ich mag Menschen und bin gerne unter den Leuten.

Sie sind Gotti des Siegermunis vom Mittelländischen Schwingfest vom 8. bis 10. Mai 2026 in Stettlen. Wie geht’s dem Tierli?
Ich hoffe gut, wobei Tierli es nicht ganz trifft (lacht). Der Siegermuni war schon bei der Taufe ein stattliches Exemplar… und ein ganz Lieber, Ruhiger.

Sind Sie mit den Schwing-Regeln vertraut? Und würden Sie sich zutrauen, auch selbst ins Sägemehl zu stehen?
Schwingen ist ein faszinierender Sport. Anfangs der 2000er Jahre haben mich Bekannte an ein Hallenschwinget mitgenommen. Die Atmosphäre und die Leute haben mir sofort zugesagt. Von da an war ich regelmässig an Schwingfesten zu Gast und es hat mich dann natürlich auch interessiert, wie die Regeln funktionieren und weshalb dieser und nicht jener Schwinger den Wettkampf gewinnt. Am Mittelländischen in Habstetten 2018 engagierte ich mich sogar im OK, aber nein: selber Schwingen würde ich nicht!

Vor vier Jahren steckten Sie im Endspurt eines intensiven Wahlkampfs. Nun stehen Sie am Ende Ihrer ersten Legislatur und im März wird wiederum gewählt. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?
Ich konnte vieles bewirken und bin entsprechend zufrieden. Wir konnten die Steuerstrategie in der Regierung verabschieden, das Parlament hat diese wohlwollend zur Kenntnis genommen und mit der Umsetzung sind wir auf Kurs. Ein erstes Highlight diesbezüglich war sicherlich auch die erste Lesung der Steuergesetzrevision im Grossen Rat. Die Steuergesetzrevision, die 2027 in Kraft treten soll, soll gezielt tiefe und mittlere Einkommen entlasten. Je nach Konstellation hat eine vierköpfige Familie damit bis zu 800 Franken weniger Steuerauslagen pro Jahr. Das ist viel Geld und war mir ein grosses Anliegen, denn wir merkten, dass wir im Kanton Bern diese Einkommensklassen wesentlich höher belasteten als andere Kantone. 

Ansonsten konnten wir auch in unseren Ämtern zahlreiche Herausforderungen meistern. Ein Projekt, das mich sehr freut, ist die Implementierung von SAP in der ganzen Kantonsverwaltung. Die erste und grösste Etappe und auch die zweite Etappe konnten wir unter dem Kredit und in der Zeit abschliessen und mit der dritten und letzten Etappe sind wir ebenfalls auf Kurs. Ein Erfolg!

Ihr Leistungsausweis scheint tadellos und Sie und Ihr Departement haben sich in der laufenden Amtszeit keine Skandale oder grobe Patzer zuschulden kommen lassen. Ob eine Wiederwahl gelingt, weiss man jedoch erst am Ende des Wahltags. Mit welchem Gefühl werden Sie am Wahlmorgen vom 29. März erwachen?
Ich denke, dass ich mit einem ähnlichen Gefühl erwachen werde, wie bei der letzten Wahl. An jenem Wahlsonntag konnte ich aufstehen und sagen: Ich habe das Möglichste gemacht. Mit diesem Wissen, dass man im Job und im Wahlkampf sein Bestes gegeben hat, übersteht man auch die Zeit bis zur Bekanntgabe der Resultate recht gut.

Corinne Fischer

Zur Person

Die bald 53-jährige Mitte Politikerin und Juristin Astrid Bärtschi Mosimann ist in Ostermundigen aufgewachsen und zu Hause und hat auch hier ihre politische Karriere gestartet. Seit 1. Juni 2022 ist Astrid Bärtschi Regierungsrätin und Vorsteherin der Finanzdirektion des Kantons Bern. Sie ist verheiratet und Mutter eines jungen, erwachsenen Sohnes.

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