Die dargestellten Symptome überschneiden sich häufig und treten in unterschiedlicher Intensität auf – nicht jede Betroffene erlebt alle Bereiche gleich stark
Viele Frauen leben jahrzehntelang mit dem Gefühl, zu sensibel, zu chaotisch oder einfach «nicht belastbar genug» zu sein – ohne zu wissen, dass hinter all dem ADHS stecken kann.
Schweizer Gesundheitsdaten zeigen: Rund fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung weisen klinisch relevante ADHS-Symptome auf. Lange galt ADHS als typische «Jungen-Diagnose». Heute geht man davon aus, dass Frauen mindestens ebenso häufig betroffen sind. Dennoch wird ADHS bei ihnen deutlich seltener erkannt – vor allem, weil sich die Symptome oft anders zeigen.
Mehr als nur Unaufmerksamkeit
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Bei Mädchen und Frauen zeigt sich ADHS häufig weniger auffällig: Statt körperlicher Unruhe stehen innere Getriebenheit, emotionale Sensibilität, Konzentrationsschwierigkeiten und ständiges Gedankenkreisen im Vordergrund. Die Hyperaktivität ist oft nach innen gerichtet oder kaum sichtbar. Viele Betroffene fallen dadurch nicht auf – und leiden im Stillen.
Eine lebenslange neurobiologische Besonderheit
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die bereits in der Kindheit beginnt. Veränderungen in der Funktionsweise bestimmter Hirnareale lassen sich heute sogar nachweisen. Zunehmend wird ADHS auch als Form von Neurodiversität verstanden – als Variante menschlicher Gehirnentwicklung.
Die Ursachen sind komplex: Eine genetische Veranlagung spielt eine zentrale Rolle, aber auch Umweltfaktoren sowie Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt können Einfluss haben. Häufig treten zusätzliche psychische Erkrankungen auf. Adriana Biaggi, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin aus der Region, erklärt, dass im Übergang ins Erwachsenenalter Hyperaktivität und Impulsivität oft abnehmen, während Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen zunehmen können.
Das unsichtbare ADHS
Bis heute wird ADHS bei Frauen oft spät oder gar nicht erkannt, denn Forschung und Diagnostik orientierten sich lange am männlichen Erscheinungsbild. Betroffene gelten oft als verträumt, sensibel, kreativ – aber auch als unorganisiert oder überfordert. In Schule, Ausbildung und Beruf versuchen sie mitzuhalten, passen sich stark an und entwickeln Strategien, um nicht aufzufallen. Der Preis dafür sind Erschöpfung, Selbstzweifel und das Gefühl, nicht richtig zu funktionieren.
Nicht selten werden zunächst andere Diagnosen gestellt, etwa Depressionen, Angststörungen oder Burnout. Erst wenn diese Behandlungen nicht greifen, rückt ADHS in den Fokus. Eine späte Diagnose kann dennoch entlastend sein, um das eigene Erleben einzuordnen und neue Wege im Umgang mit den Herausforderungen zu finden.
Innere Unruhe statt Zappeligkeit
Viele Betroffene berichten von einem hohen, nach aussen unsichtbaren Leidensdruck. Typisch sind innere Unruhe, emotionale Überforderung und ausgeprägte Selbstkritik. Um zu funktionieren, entwickeln viele sogenannte Kompensationsstrategien wie Perfektionismus oder soziale Maskierung. Adriana Biaggi betont, dass diese Strategien kurzfristig helfen können, langfristig jedoch oft zu Stress und Erschöpfung führen.
Auch hormonelle Schwankungen beeinflussen die Symptomatik. Der weibliche Zyklus, insbesondere die Zeit vor der Menstruation, sowie Prä- und Menopause können ADHS-Symptome deutlich verstärken. Der Grund liegt im Einfluss der Hormone auf Neurotransmitter wie Dopamin.
Diese Anzeichen können ein Hinweis sein
Eine Abklärung kann sinnvoll sein, wenn über längere Zeit mehrere der folgenden Punkte bestehen:
– Anhaltende innere Unruhe oder chronische Überforderung
– Konzentrationsprobleme trotz Interesse und Begabung
– Starke emotionale Reaktionen oder schnelle Überreizung
– Schwierigkeiten mit Organisation, Zeitmanagement und Alltagsstruktur
– Ausgeprägter Perfektionismus, Selbstzweifel und Erschöpfung durch ständige Anpassung
Eine Diagnose ersetzt keine Persönlichkeit, kann aber entlasten und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Adriana Biaggi betont, dass eine hilfreiche Therapie nicht darauf abzielt, ADHS-Symptome «wegzumachen», sondern den Umgang damit zu verbessern. Entscheidend ist die Haltung: weg von Selbstvorwürfen, hin zu Selbstverständnis.
Betroffene erzählen
Die Bantiger Post hatte die Gelegenheit, mit drei ADHS-Betroffenen ein Gespräch zu führen. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden ihre Namen anonymisiert.
Ronja (12): «Ich muss ständig mit meinen Fingern oder meinen Füssen etwas machen.»
Ronja lebt seit zwei Jahren mit der Diagnose ADHS. Bereits im Kindergarten fühlte sie sich anders als ihre «Gspändli», deutlich spürbar wurde dies ab der ersten Klasse. Im Schulalltag hatte sie grosse Mühe, dem Unterricht zu folgen – selbst bei Themen, die sie interessierten. Besonders Geräusche lenkten sie ab, sodass sie schnell den Anschluss verlor. Dazu kam eine ausgeprägte Vergesslichkeit.
Gleichzeitig zeigt sich bei Ronja auch eine typische Stärke von ADHS: Bei Tätigkeiten, die sie begeistern, etwa beim Lesen oder Zeichnen, kann sie über lange Zeit hochkonzentriert bleiben. Diese Fähigkeit zum sogenannten Hyperfokus erlebt sie als positiv.
Heute weiss Ronja besser, was sie braucht, um im Schulalltag zurechtzukommen. Ein ruhiger Arbeitsplatz und Kopfhörer helfen ihr, Reize zu reduzieren. Mehrmals pro Woche besucht sie ein Kampfsporttraining, um überschüssige Energie abzubauen und abends besser zur Ruhe zu kommen. Um ihre Vergesslichkeit auszugleichen, nutzt sie Notizen und Erinnerungsstützen. Medikamente nimmt Ronja keine. Die Diagnose empfindet sie dennoch als entlastend – vor allem, weil Lehrpersonen und ihr Umfeld nun besser auf ihre Bedürfnisse eingehen können.
Marina (27): «Ich habe gelernt, dass mein Anderssein auch eine Stärke ist.»
Marina studiert und arbeitet als Medizinische Praxisassistentin. Sie spricht schnell, viel und mit ansteckender Begeisterung. Erst mit 25 Jahren erhielt sie die definitive ADHS-Diagnose – nach Jahren von Erschöpfung, Depressionen und dem Gefühl, anders zu funktionieren als ihr Umfeld.
Als Kind nahm Marina sich lange als «normal» wahr, verstand jedoch nicht, weshalb sie sich häufig als Aussenseiterin fühlte. Rückblickend erkennt sie typische ADHS-Merkmale wie hohe Reizempfindlichkeit, Tagträumerei und inneren Rückzug bei Desinteresse.
Heute erlebt Marina ADHS als Spannungsfeld. Sie brennt für Menschen, Ideen und Projekte, läuft aber ebenso Gefahr, sich zu überfordern. Besonders herausfordernd sind für sie Selbstorganisation, emotionale Regulation und das ständige Gedankenkreisen. Gleichzeitig sieht sie in ihrem ADHS klar Ressourcen: schnelles Denken, kreative Lösungsfindung, hohe Empathie und die Fähigkeit, andere zu motivieren.
Medikamente helfen ihr punktuell, vor allem beim Lernen. Im Alltag setzt Marina auf eigene Strategien, feste Auszeiten und einen achtsameren Umgang mit den eigenen Grenzen. Die Diagnose empfindet sie als Perspektivwechsel – ADHS sei keine Schwäche, sondern eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen.
Natasha (32): «Ich war immer ‹zu viel› und gleichzeitig ‹nie genug›.»
Natasha ist Hausfrau und Mutter eines Kleinkindes. Ihre ADHS-Diagnose erhielt sie mit 27 Jahren – spät, aber rückblickend erklärend für ein lebenslanges Gefühl des Andersseins. Schon als Kind erlebte sie sich als emotional intensiv, schnell überfordert, kreativ und innerlich unruhig. Ihre Überforderung resultierte in Rückzug oder emotionalen Ausbrüchen.
Der Weg zur Diagnose begann im privaten Umfeld: Ein Freund und später ihr Neffe wurden abgeklärt und Natasha erkannte viele Parallelen zu sich selbst. Erst während eines Klinikaufenthaltes wegen Depressionen wurde ADHS konkret thematisiert und diagnostiziert.
Heute zeigt sich ADHS bei Natasha vor allem im Alltag. Organisation, Termine und administrative Aufgaben fallen ihr schwer. Besonders belastend ist die Reizüberflutung: Geräusche kann sie kaum filtern, Unterbrechungen bringen sie rasch aus dem Konzept. Gleichzeitig erlebt sie auch Stärken wie Kreativität, Spontanität und Empathie.
Die Diagnose brachte für Natasha eine entscheidende Wende. Sie ermöglichte Verständnis – vor allem bei sich selbst. Medikamentöse Unterstützung mit Elvanse hilft ihr heute, sich besser zu konzentrieren und Reize zu reduzieren. Im Alltag setzt sie auf flexible Strategien, Rückzugsphasen und Geduld mit sich selbst.
Rachelle Römer
Mehr zu ADHS: elpos.ch und adhs20plus.ch