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Zu Besuch im Grossen Rat

5x Grossratspower aus dem Worblental

An der Frühlingssession haben unsere Worblentaler Grossrätinnen und -räte der Bantiger Post einen spannenden Einblick in ihren politischen Alltag im Kantonsparlament gewährt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Nach bestandenem Sicherheitscheck und einer ersten kurzen Führung von Maya Weber Hadorn (SP) durch das altehrwürdige Berner Rathaus, wird als erstes die Wandelhalle angepeilt. Kurz vor Sitzungs-be-ginn ist hier bereits einiges los. Eine Gruppe fran-zösischsprachiger Grossrät:-innen hat sich zu einer kurzen Stehung getroffen, wobei noch letzte, wohl für die Sprachregion wichtige Ab-sprachen erfolgen. Hier vor dem Ratssaal begegnen wir auch Hans-peter  Steiner (EVP). Wir vereinbaren ein Treffen in der Wandelhalle nach Sitzungsbeginn, denn nach einer kurzen Begrüssung muss der Vechiger zügig weiter, da er die Andacht organisiert, die jeweils vor der ersten Sessionssitzung angeboten wird.

Lebhafter Betrieb
Auf die Minute genau wird die Sitzung eröffnet. Hoch oben von der Besuchertribüne aus lässt sich das Ratsgeschehen gut beobachten. Wer noch nie in einem Rat war, dürfte etwas überrascht sein ob dem steten, sanften Lärmpegel, der auch nach Sitzungseröffnung anhält und an ein freundlich summendes Bienenvolk erinnert. Immer mal wieder steht jemand auf, geht hinaus, kommt herein. Köpfe verschwinden hinter Laptops und Natels und -zeitgleich wird am Rednerpult zu den entsprechenden Trak-tanden referiert. Melanie Gasser (GLP) schaut zum Gruss auf der Tribüne vorbei und schliesslich wird es Zeit, sich zurück in die Wandelhalle zu be-geben, wo sich neben den bereits Genannten auch
die beiden Grossratsmitglieder Sibylle Plüss (FDP) und Walter Schilt (SVP) zum Interview einfinden.

«Das Ratsgeschehen ist eine lebendige, von viel hin und
her geprägte Angelegenheit.»

Während der Rat weiter tagt, stellen sich unsere fünf Worblentaler Grossrät:innen den Fragen dieser Zeitung, denn in der nächsten Stunde hat niemand von ihnen innerhalb seiner Fraktion die Verantwortung für ein Geschäft. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun ein ruhiges Interview folgt, denn das Ratsgeschehen ist eine lebendige, von viel hin und her geprägte Angelegenheit. Immer mal wieder ertönt ein lautes Signal, welches eine anstehende Abstimmung ankündigt. Dann kommt geschäftige Hektik auf. «Excusé, wir kommen gleich wieder», heisst es, und alle eilen an ihre Sitzplätze, die fix und nach Partei zugeordnet sind: Abstimmungsknöpfe werden gedrückt, es wird zurückgeeilt und weiter geht’s.

Vorgefasste Voten
Sämtliche traktandierten Geschäfte werden bereits vorgängig in den Fraktionssitzungen der jeweiligen Partei besprochen. Was in den Fraktionen entschieden wird, wird grundsätzlich auch bei den Abstimmungen im Rat umgesetzt. Je nach Geschäft aber auch je nach Partei kommt es mehr oder weniger oft vor, dass Stimmfreigabe beschlossen wird und während der Debatte Meinungen neu gemacht werden. Eine Kehrtwende während der Ratssitzung um 180 Grad gibt es praktisch nie, jedoch wird immer mal wieder neu taktiert, wenn es darum geht, zu entschliessen, in welcher Form ein Geschäft überwiesen wird. Vielleicht hat ein Geschäft eher eine Chance als Postulat, also als Prüfung eines Anliegens formuliert, als das stärkere Ins-trument der Motion, die bestimmte Massnahmen verlangt.

Elektronische Hilfsmittel
Bei kleineren Parteien können während der Ratssitzung eher noch die Köpfe zusammengesteckt werden. Bei grossen Parteien erfolgt der Austausch via Whatsapp-Gruppen. Dies beantwortet die Frage, weshalb viele der Politiker:innen stetig das Smartphone in den Händen halten. Je nach Thema übernimmt in jeder Partei jemand anderes den Lead. Bei der Geschäftszuteilung spielen Kommissionszugehörigkeiten und Fachkenntnisse der einzelnen Mitglieder eine grosse Rolle. Ob den einzelnen Sprechenden zugehört wird oder nicht, hat teils mit dem Geschäft und teils mit den rednerischen Fähigkeiten der einzelnen Referent:innen zu tun. Gute Redner:innen erhalten tendenziell mehr Aufmerksamkeit, wobei allen dieselbe maximale Redezeit zur Verfügung steht.

Zeit nutzen
Ist das Votum für ein Geschäft bereits völlig klar, wird die Zeit von vielen genutzt, um Büromails zu checken, kurz den Saal zu verlassen, zu networken, schnell einen Kaffee zu holen oder eben Interviewfragen zu beantworten – zumindest bis wieder der Signalton zur Abstimmung ruft.

Corinne Fischer

Melanie Gasser (GLP)

«2016 wurde ich als Gemeinderätin in Ostermundigens Exekutive gewählt. Seit 2021 bin ich ebenfalls Mitglied im Grossen Rat. Als Politikerin ist es wichtig, sich immer wieder zu reflektieren, jedoch nicht aus dem Takt bringen zu lassen. Ein Mandat übernimmt man zumindest auf kommunaler und kantonaler Ebene nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Leidenschaft. Ja, ich werde 2026 erneut für den Grossen Rat kandidieren.»

Hanspeter Steiner (EVP)

«Bereits früh habe ich die direkte Demokratie als ein geniales politisches System empfunden. Seit 2020 bin ich Grossrat und seit 2025 Gemeinderat in Vechigen. Als Mitglied einer kleineren Partei ist es fast einfacher ins Kantonsparlament gewählt zu werden als in ein Exekutivamt. Zur politischen Meinungsbildung gehört für mich, dem politisch Andersdenkenden zuzuhören. Im Kanton Bern pflegen wir eine Kultur, die es erlaubt, auch nach harter Debatte anschliessend gemeinsam etwas trinken zu gehen. Ja, ich werde 2026 erneut für den Grossen Rat kandidieren.»

Maya Weber Hadorn (SP)

«Grossrätin bin ich seit 2023. Das Mandat entspricht mindestens einem 20%-Pensum. Neben meiner Führungsposition bei BERNMOBIL war für mich klar, dass ich kein Doppelmandat in der Politik übernehme, weshalb ich letztes Jahr nach 8 Jahren Gemeinderätin in Ostermundigen nicht mehr zur Wiederwahl angetreten bin. Ich bin schon seit 2005 politisch aktiv, gestalte gerne mit und erlebe die Arbeit als extrem horizonterweiternd. Ja, ich werde 2026 erneut für den Grossen Rat kandidieren.»

Sibylle Plüss (FDP)

«Mein politisches Engagement begann dank meines früheren Arbeitgebers. Zuerst habe ich mich in der Schulkommission sowie in der Zentralschulkommission Vechigen engagiert. Seit 2022 vertrete ich die FDP im Grossen Rat und bin Mitglied der Finanzkommission. Seit Anfang Jahr leite ich die Gemeindeversammlung in Vechigen. Auf kantonaler Ebene werden Entscheidungen in einem grösseren Kontext getroffen, wobei der regionale Fokus etwas in den Hintergrund rückt. Meine Arbeit im Grossen Rat macht mir Freude. Ja, ich werde 2026 erneut für den Grossen Rat kandidieren.»

Walter Schilt (SVP)

«In die Politik gekommen bin ich vor bald 40 Jahren durch meine Tätigkeit bei der Feuerwehr als Kommandant und beispielsweise als Gesamteinsatzleiter Unwetter beim Sturm Lothar. Später als Ge­meindepräsident Vechigen und seit 2018 als Grossrat bin ich definitiv nicht zum Cüpli trinken gewählt worden, sondern um aktiv mitzugestalten, wobei ich auch mal über die Parteigrenze hinausschaue. Ob ich erneut kandidiere, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben.»

Kurz erklärt

Der Grosse Rat
… ist das Parlament des Kantons Bern. Seine 160 Mitglieder werden alle vier Jahre vom Volk gewählt. Die Wahl erfolgt in neun Wahlkreisen. Die Worblentaler Gemeinden sind alle dem Wahlkreis Mitelland-Nord zugeteilt, der 22 Sitze umfasst. Dabei ist Vechigen mit drei -Sitzen und Ostermundigen mit zwei Sitzen vertreten. Als gesetzgebende Behörde erlässt er Gesetze und beschliesst über das Kantonsbudget. Der Grosse Rat hat die Oberaufsicht über die Kantonsregierung und -verwaltung, über die Geschäftsführung der obersten Gerichte und ist ausserdem Wahlbehörde für verschiedene Ämter. 

Die Fraktion
… ist eine Gruppe von Mitgliedern, die sich innerhalb eines Parlaments zusammengeschlossen haben, um gemeinsame Interessen und Ziele effektiver zu vertreten. Die Fraktionen umfassen Angehörige der gleichen Partei oder gleichgesinnter Parteien. Im Grossen Rat braucht es fünf Ratsmitglieder um eine Fraktion bilden zu können. Die Sitze in den Kommissionen werden nach Fraktionsstärke verteilt. Das heisst, dass einer Fraktion umso mehr Sitze zustehen, je mehr Mitglieder sie hat.

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