Zuständig für das ganze Worblental als sogenannter Advents-Weihnachts-Engel für Angelegenheiten im privaten und öffentlichen Bereich. Keine leichte Aufgabe, ganz und gar nicht. Eben noch lag ich völlig relaxed auf Wolke 7 und dann das: Fanfare, Posaune, Befehl von ganz oben. In zwei Minuten Abflug ins Worblental. Ausgerechnet. Ich habe meines nicht ganz so langen Lebtags nie von diesem Ort gehört.
Nun ja, Widerspruch wurde nicht geduldet und jetzt bin ich hier. Es ist weniger schlimm als ich befürchtete. Die Menschen sind einigermassen zugänglich und ich werfe einen ersten Blick in meine «To-Do-Liste», so sagt man ja wohl heutzutage. Und auf dieser lese ich: trösten, schlichten, unterstützen, helfen, wärmen, Zeit schenken, backen.
Backen?! Wer hat sich das denn ausgedacht? Und dann sollen es auch noch Weihnachtsguetzli sein, befürchte ich. Wo es doch jeden Teig bereits fixfertig zu kaufen gibt und ich kann weder Ingwer-Chili-Chrömli oder wie die alle sonst noch heissen, aus meinen Flügeln zaubern und ausserdem leide ich unter einer Mehlallergie, deren ich mir gerade jetzt zufällig bewusst werde.
Gelegenheiten zum trösten und zum unterstützen allerdings werden sich ergeben, so im Laufe der Adventszeit. Nach aussen hin sind die Menschen in dieser Zeit doch eher versöhnlich gestimmt. Friede, Freude, Eierkuchen, bei uns Omeletten genannt, ist angesagt. Weihnachtsmärkte halten feil, Hochglanzprospekte flattern ins Haus, es darf geschenkt werden. Koste es manchmal was es wolle.
Ins Januarloch fällt niemand im Dezember. Unerfreuliches wird verdrängt, Zahnarzttermine wenn möglich verschoben, Schreckensbilder aus aller Welt ausgeblendet.
Dort wo ich herkomme herrscht allenthalben eine gewisse Besorgnis, auch an allerhöchster Stelle. Was nicht verwundert, wurde doch in einem grossen Land eben erst ein Präsident gewählt, der lügt, der hasst, der alle verurteilt, die anders denken als er. So sind die Worblentaler hoffentlich nicht. Gewalt und Hass, Pöbeleien und Rassismus sollten keinen Einzug in unsere Köpfe, geschweige denn in unsere Herzen bekommen.
Besorgnis herrscht aber auch über die vielerorts herrschende Gleichgültigkeit gegenüber einer verwundeten Natur, angesichts der Tiere und Pflanzen, deren Lebensraum entzogen wurde. Aber ich schweife wie immer ab. Eines nach dem anderen bitte und nicht alles auf einmal lösen und verbessern wollen. Kleine Schritte, sachte Flügelschläge nur. Für die grossen Dinge auf der Welt sind wir Engel nicht allein zuständig.
Was ich in den letzten Tagen getan habe, willst du wissen? Einigen Kassiererinnen geholfen, dass sie sich nicht vertippen. Dass sie sich bei grossem Kundenansturm einmal durchstrecken konnten. Einer nach einem langen Arbeitstag ziemlich müden Frau ihre verschwitzten Haare aus dem Gesicht geblasen. Sie hat gelächelt und die Geburtstagstorte ist ihr gut gelungen. Kinderbetten galt es vorzuwärmen, friedliche Träume in die Kopfkissen zu legen.
Ich habe Freudentränen und Tränen der Wut und der Trauer getrocknet. Ich habe Menschen besucht, die schon viel zu lange viel zu sehr allein sind. Ich habe beim Aufhängen der Weihnachtsbeleuchtung geholfen, beim Schmücken von Fenstern und beim Basteln von Adventskalendern. Ich mischte mich unter die Besucher auf dem Märet, in der Kirche, im Altersheim und begleitete die Schulkinder sicher nach Hause. Ich habe Streithähnen versöhnliche Worte eingeflüstert. Ständig Unzufriedenen habe ich einen Löffel Dankbarkeit und Hassenden eine Prise Freundlichkeit angeboten.
Ich bin sehr gerne Engel. Bin gut im Freude verbreiten und ein echtes Organisationstalent. Ich bin nicht reich geschmückt und trage auch kein weisses Kleid. Ich sehe aus wie du. Du siehst mich nicht, du spürst mich nur. Nach Weihnachten werde ich abgelöst. Aber keine Angst, es wird immer einer von uns in deiner Nähe sein. Verlass dich darauf!

Brigitte Stettler