Lorenz Hess mit seinen zwei Hunden: Für die Nachsuche nach verletztem Wild sind speziell ausgebildete Schweisshunde unverzichtbar
Im Wildraum 6 rund um den Bantiger wird gejagt – doch die Jagd ist weit mehr als der Schuss. Ein Gespräch mit Lorenz Hess, Präsident des Berner Jägerverbands, über Rehe, einen wanderden Rothirsch, die Gämsen im Lindental und die Frage, was ein Jäger das ganze Jahr über eigentlich tut.
Wer im Herbst durchs Lindental fährt, kann Glück haben und am Hang mehre Gämsen entdecken – ein Anblick, der viele überrascht, weil man Gämsen eigentlich im Hochgebirge vermutet. Bejagt werden sie hier nicht: Das Lindental ist grösstenteils Jagdbanngebiet.
Lorenz Hess präsidiert den Berner Jägerverband mit seinen 29 Vereinen. Unsere Region gehört zum Wildraum 6. Für jeden Wildraum legt eine Komission aus Jägern, Wildhut, Forst und Landwirtschaft jährlich fest, welche Tiere in welcher Zahl erlegt werden sollen – ausgerichtet an den Bedürfnissen von Natur und Landwirtschaft.
Patentjagd statt Revier
Bern ist ein Patentkanton. Wer die zweijährige Ausbildung und die Prüfung besteht, darf im ganzen Kanton jagen – vom Tal bis ins Gebirge. «Diese Vielseitigkeit ist das Schöne», sagt Hess. Treibjagden sind verboten, in der Gruppe dürfen höchstens fünf Personen zusammen unterwegs sein. Der Reiz hat einen Preis: manchmal ist schlicht der Schnellere im Vorteil.
Hauptwild ist bei uns das Reh; der Bestand ist gut und stabil, Wildschweine sind kaum ein Thema. Bemerkenswert ist der Rothirsch. Das scheue, «heimliche» Tier hat sich in zwanzig Jahren stark ausgebreitet und rückt bis an die Agglomeration vor. Dies trotz dem grossen Freizeitdruck im Wald: Spaziergänger, Biker, Pilzler und Sportler sind zu fast jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs.
Ein Amt über das ganze Jahr
Dass Jagd Saisonsache sei, ist ein Irrtum. Hegetage gehören verpflichtend dazu, auch ausserhalb der Jagdzeit. Und der Jagderfolg ist bescheidener, als man denkt: An mindestens zwei von drei Tagen kehrt ein Jäger ohne Beute heim. Von Oktober bis Mitte November, wenn dreimal wöchentlich auf Rehe gejagt werden darf, kommt ein fleissiger Jäger übers Ganze auf vielleicht drei Tiere.
Wichtig ist Hess die Haltung dahinter: «Man soll wegen der Freude am Jagen zu Jagd gehen, nicht wegen der Freude am Schiessen – dafür gibt es den Schiessstand.» Und wenn ein Schuss doch einmal nicht sitzt, rückt die Nachsuche aus. Rund um die Uhr hat ein Jäger mit ausgebildetem Schweisshund Pikettdienst; verletztes Wild aufzuspüren ist Pflicht. Das Ziel ist immer dasselbe: das Tier nicht unnötig leiden zu lassen.
Vom Wald auf den Teller
Für Hess gehört das Essen zum Ganzen: «Für mich gehört das dazu.» Nach dem Erlegen wird das Tier noch im Wald aufgebrochen und ausgeweidet. Danach geht es für ca. 3 Tage in einen Kühlraum und wird abgehängt, bevor es zerlegt wird. Genau das reizt immer mehr Menschen – sich das eigene Fleisch zu holen, statt es im Su-permarkt zu kaufen. Auch der Frauenanteil ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt inzwischen bei rund zehn Prozent.
Rachelle Römer
Kleines Weidmanns-Wörterbuch
Die Jäger pflegen eine eigene Sprache. Schweiss ist das Blut des Wildes – daher heisst der Nachsuchehund auch Schweisshund. Die Augen sind Lichter, die Ohren Lauscher, der weisse Fleck am Hinterteil des Rehs ist der Spiegel, und Aufbrechen meint das Ausweiden des erlegten Tieres. Selbst der Alltag ist voll davon: «Jemandem durch die Lappen gehen», «etwas zur Strecke bringen» oder «einen Bock schiessen» – alle stammen aus der Jägersprache.
Hegetage – mehr als nur Jagen
Den grössten Teil des Jahres ist der Jäger ohne Gewehr unterwegs. Die Hegearbeit ist unbezahlt und kommt allen Wildtieren zugute – nicht nur den jagdbaren. Dazu gehört die Rehkitzrettung vor der Heumahd, heute oft per Drohne mit Wärmebildkamera; die Pflege von Hecken, Waldrändern und Feuchtgebieten; das Pflanzen einheimischer Bäume; der Schutz des Jungwuchses vor Wildverbiss sowie das Reinigen von Nistkästen. Schon vor der Prüfung leisten angehende Jäger mindestens 50 Hegestunden; aktive Berner Jäger zahlen nebst der Patentgebühr zudem jährlich 60 Franken Hege- und 150 Franken Wildschadenbeitrag.