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106 Jahre Lucette Erné – ein Leben voller Würde und Selbstständigkeit

Obwohl die Journalistin und Lucette 60 Jahre trennen: für ein Selfie ist sie sofort zu haben

Die älteste bekannte Bewohnerin der Region blickt auf ein bewegtes Leben zwischen Mode, Mutterschaft und gesellschaftlichem Wandel zurück.

 Mit ihren 106 Jahren ist Lucette Erné-Chappatte nach heutigem Wissensstand die älteste Person des Worblentals. Geboren wurde sie 1919 in La Chaux-de-Fonds, wo sie auch aufwuchs. Seit über 60 Jahren lebt sie in der Deutschschweiz. Wer ihr heute begegnet, hört ein charmantes Gemisch aus Hochdeutsch und Schweizerdeutsch – begleitet von einem leichten französischen Akzent, der an ihre Wurzeln erinnert.

Ein neues Zuhause mit Humor angenommen
Seit gut einem Jahr lebt Lucette Erné im Senevita Aespliz. Ihr Zimmer ist liebevoll eingerichtet: Familienfotos von ihrem verstorbenen Lebenspartner und ihrem Sohn, selbstgemalte Bilder, Pflanzen und antike Möbel verleihen dem kleinen Raum Persönlichkeit. «Man muss sich in so einem kleinen Zimmer organisieren können», sagt sie. Der Umzug fiel ihr nicht leicht. Nach 20 Jahren in einer 3.5-Zimmer-Wohnung in Ittigen bedeutete der Wechsel einen grossen Einschnitt. «Plötzlich geht alles weg. Alles wird kleiner. Man hat mir alles genommen. Eines kann ich sagen: Alt werden ist nicht ein Freund.»

Trotzdem begegnet sie der neuen Situation mit Humor. Mit einem Augenzwinkern zeigt sie Besuchenden ihr Reich: Schlafzimmer, Wohnzimmer – und der «Keller» hinter der Eingangstüre. 

Bereits als 90-Jährige liess sie sich vorsorglich für einen Platz im Senevita einschreiben. Lange war sie überzeugt, dass sie ihn nie brauchen würde. Doch es erwies sich als klug, sich einzutragen. Heute schätzt sie die gute Pflege sehr, auch wenn sich das Gefühl von «Zuhause» noch nicht ganz eingestellt hat

Pflege als Haltung – nicht als Pflicht
Lucette Erné tritt stets gepflegt und würdevoll auf. Die Haare sind gelockt, die Fingernägel schön gefeilt. «Auch im hohen Alter darf man sich nicht gehen lassen», sagt sie überzeugt. Jeden Morgen schminkt sie sich, kämmt sich die Haare, am Abend duscht sie – alles eigenständig. Das, obwohl sie heute auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Für sie ist Selbstpflege Ausdruck von Selbstachtung – für sich selbst und für die anderen.

Ein Leben in Eigenständigkeit und Mode
Fragt man sie nach einem der prägendsten historischen Momente ihres Lebens, nennt sie ganz klar den Tag, an dem Frauen in der Schweiz das Stimmrecht erhielten – der 7. Februar 1971. «Endlich sind wir da. Wir Frauen – nicht nur die Männer.» Selbstständigkeit und Unabhängigkeit prägten ihr Leben. Sie war 14 Jahre lang Eigentümerin einer Modeboutique am Bubenbergplatz in Bern. Stolz erzählt sie, wie sie mehrmals jährlich nach Paris reiste, um die neueste Mode einzukaufen. Auch heute ist erkennbar, dass ihr Selbstständigkeit wichtig ist. Mit ihrem Tablet weiss sie bestens umzugehen, kann damit ohne Probleme telefonieren, facetimen oder Nachrichten schreiben. 

Mutter bleibt man ein Leben lang
Mit grosser Wärme spricht sie von ihrem Sohn, der heute 81 Jahre alt ist. Auf ihrem Tablet zeigt sie Videos seiner waghalsigen sportlichen Aktivitäten und erzählt von seinen Reisen um die Welt. Es ist deutlich spürbar, dass sie sich auch mit 106 Jahren noch um ihn sorgt, sich noch mit ihm freut. So pflegt sie auch regen Kontakt zu ihrem Sohn und geniesst die abendlichen Videoanrufe.

Kreativität bis ins hohe Alter
Dass sie einmal so alt werden würde, hätte Lucette Erné nie gedacht. Geheimtipps fürs Altwerden hat sie keine. «Ich bin viel gelaufen und oft schwimmen gegangen», sagt sie. Erst mit 104 änderte sich ihr Leben grundlegend: Nach einem Sturz und einem Oberschenkelbruch konnte sie nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Bis dahin hatte sie allein und selbstständig gelebt.

Kreativ blieb sie bis ins hohe Alter. In ihrem Zimmer hängen gemalte Rosen und ein Porträt ihres Sohnes. Heute verhindert die Arthrose in den Fingern das Malen. Doch ihre Geschichte, ihre Haltung und ihr Humor zeugen von einem reichen Leben – und von einer Frau, die auch mit 106 Jahren nichts von ihrer Würde verloren hat.

Rachelle Römer

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